SOJA LIFE

Julien Ceccaldi

In der ersten umfassenden Ausstellung Solito von Julien Ceccaldi, die in einer zweimonatigen Vorbereitung vor Ort im Kölnischen Kunstverein produziert wurde entspinnt sich ein Märchen um die gleichnamige Hauptfigur – einem lüsternen, jungenhaften 30-jährigen Mann, der es unerträglich findet, noch Jungfrau zu sein und gewillt ist, sich jedem hinzugeben. Der Plot ist inspiriert von bekannten
Erzählungen, so beispielsweise von Die Schöne und das Biest, Blaubart oder
Nussknacker und Mausekönig, in denen sich die Protagonistinnen am Ende in den
hässlichen Mann verlieben und sich Sexualität durch Macht und Gewalt
manifestiert. Das Einzige wiederum, was Solito von der unansehnlichen, schnell
eendeten Liebe bleibt, ist ein kurzes Souvenir des Glücks, das schnell verbla
s Elend wird in dem von Ceccaldi im Rahmen der Ausstellung publizierten
Comicbuch noch umso augenscheinlicher geschildert. Was als ein Traum über
ein eigenes unfähiges Handeln interpretiert werden kann, geht die titelgebende
gur Solito darin so weit, sich mit dem Tod selbst einzulassen. Er folgt Oscar,
einem Soldaten, der, aus einer mystischen Welt kommend, nicht viel mehr ist als
ein Kadaver, eine leere Schale, auf den sich seine Fantasien stürzen” (J. Ceccaldi)
Solito wird seltsam ambivalent dargestellt: Verzweifelt auf der Suche nach
wahre Bestimmung, nämlich für immer zurückgewiesen zu werden, selbst
von ewiglich andauernden Kaffeekränzchen in Gesellschaft von Skeletten,
Partnerschaft und Geborgenheit, agiert er zugleich masochistisch, in dem er seine
orchestriert. Er spielt mit dem Tod wie man mit Puppen spielen würde, und träumt
ährend er sich zur gleichen Zeit unterbewusst wünscht, dass sie sich gegen
ihn wenden. Indem er ihr Vertrauen missbraucht, wird er am Ende unweigerlich
in die reale Welt auf einen Bürgersteig zurückgeworfen – ein Verweis auf die Ge-
schichte Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern von Hans-Christian Andersen,
einer der wohl prominentesten Märchenschreiber.
Details über dessen Leben, nach denen bekannt ist, dass Andersen keinerlei
nach jeder Begegnung intensiver Selbstbefriedigung hingab. Beschrieben als
derts als Außenseiter und Alleingänger, so dass er am Ende seiner Tage alleine
Als direkte Vorlage für Solitos Charakterzüge dienen Ceccaldi denn auch intime
sexuelle Beziehungen zu Frauen oder zu Männern unterhielt und sich stattdessen
kindlich und liebestoll, galt er innerhalb der Kopenhagener Elite des 19. Jahrhun
und einsam starb. Seine Original-Märchen waren pervers und morbide; seine
leidenden Heldinnen starben oft eines qualvollen Todes. Spätere Adaptionen sei
ner eher tragischen Geschichten, die meist ohne Happy End ausgingen, wurden
später umgeschrieben.
Weitere ästhetische sowie konzeptuelle Bezüge lassen sich vor allem in der
Animationsserie Die Revolution des Mädchens Utena (1997) von Kunihiko lkuhara
und den Manga Die Rosen von Versailles (1972) oder Oniisama E (1975) von Riyoko
Ikeda finden, in denen Symbole des Märchens, Androgynität und unausweich
liche Schicksale mit modernen Kontexten und zeitgenössischen thematische
Auseinandersetzungen kombiniert werden. Die Ausstellung übernimmt von diesen
rken auch den freizügigen Umgang, Mythen von verschiedenen Orten und
über verschiedene Epochen hinweg, vom Mittelalter, zum 19. Jahrhundert, bis
unsere Zeit, miteinander zu verweben
Diese Ausgangspunkte bilden den referentiellen Rahmen für die im Comic Solito
etablierten Figuren und ihr Umfeld, die innerhalb und außerhalb der Ausstellungs
räume auf verschiedene Oberflächen transferiert sind: als animierte Videoloops,
Skulpturen, digitale Zeichnungen oder als Malereien auf Plastik. Anders als
noch auf den Buchseiten folgen die Werke in der Ausstellung keiner konstanten
nearen Narration mehr. Inspiriert von der Cel-Art, einer Technik, die für Anima
tionsfilme genutzt wurde, um Hintergründe von den Vordergründen losgelöst zu
eichnen, entstehen Bilder unterschiedlicher Stimmungen durch Überlagerunge
Verschiebungen oder Trompe-l’oeil-Effekte. Sie zirkulieren um die Figur Solito her
um, der sich die Besucher in der Ausstellungshalle mit ihrer eigenen Körperhaftig
keit annähern. In einer Art kaleidoskopischer Fragmentierung, in der sich dieselbe
Figur, oder Aspekte derselben in kleinen Variationen wiederholen ähnlich w
sich auch Identität aus vielen Einzelteilen zusammensetzt -, ist sie imstande
Gefühle von Eitelkeit, Leid und Beengtheit, aber auch Momente emanzipatori
scher Befreiung hervorzurufen.

Zur Ausstellung ist das Comicbuch Solito von Julien Ceccaldi erschienen.
(86 Seiten, hrsg. von Nikola Dietrich, September 2018). Es kann zum Preis
von 12 (Mitglieder 8) erworben werden
Julien Ceccaldi wurde 1987 in Montreal, Kanada, geboren und lebt in New York.
Einzelausstellungen umfassen u.a. Human Furniture, Beach Office, Berlin (2017);
Gay, Lomex, New York, NY (2017), und King and Slave, Jenny’s, Los Angeles, CA
Er nahm in jüngerer Zeit an Gruppenausstellungen teil, wie z.B. Painting Now
and Forever 3, Greene Naftali, New York, NY; An Assembly of Shapes, Oakville
Galleries, Ontario, Canada; oder The Present in Drag, 9th Berlin Biennale for
Contemporary Art, Berlin.

EN Produced on site at the Kölnischer Kunstverein over the course of two months,
Julien Ceccaldi’s Solito is a large-scale exhibition in which a fairy tale unfolds
around a character of the same name, a concupiscent and boyish 30-year-old
virgin willing to give himself to anybody. The plot is inspired by stories such as
Beauty and the Beast, Bluebeard, and The Nutcracker and the Mouse King, in which
the female protagonists end up in love with ugly men, and sexuality manifests
itself through power and violence. However, all Solito gets out of his unsightly,
quickly aborted love story, is a fading souvenir of happiness
Misery is all the more evident in the comic book Solito published by Ceccaldi for
this exhibition. In what could be interpreted as a dream of his own doing, the
titular character goes so far as to make advances to death itself. He follows Osca
a soldier from a magical land who is nothing more than “a cadaver, an empty
shell [he] projects on” (J. Ceccaldi). Solito is presented as ambivalent: Desperate
for partnership and security, he also acts masochistically in that he orchestrate
a self-fulfilling destiny of being forever rejected. He plays with the dead like one
does with dolls, and dreams of an eternal tea party with skeletons, all the while
unconsciously wishing they would turn on him. Betraying their trust ultimately
gets him thrown back onto the cold sidewalk of the real world – an allusion to
The Little Match Girl by Hans-Christian Andersen, one of the most prominent
fairy tale writers. Ceccaldi took descriptions of the author’s life as a template for
Solito’s character traits. Andersen never engaged in sexual relations with women
nor men, indulging in intense masturbation after each encounter instead
Described as childish and love-obsessed in equal measures, he was considered an
outsider and a loner within the Copenhagen elite of the 19th century, and he died
alone at the end of his days. His original tales were perverse and morbid;
his suffering heroines often dying a painful death. Later adaptations of his more
tragic stories have been rewritten with a happy ending
Further aesthetic and conceptual references can be found in the animation
TV-series Revolutionary Girl Utena (1997) by Kunihiko Ikuhara, and the manga The
Rose of Versailles (1972) and Onisama E (1975) by Riyoko Ikeda, which weave
together fairy-tale symbols, androgyny, and inescapable fates along with moder
backdrops and contemporary preoccupations. The exhibition also borrows from
ese works the liberty to blend myths from different places across history from
the Middle Ages, to 19th century Europe and our present time.
These different starting points establish the framework for the figures and setting
in Solito, which are transferred onto various surfaces both inside and outside the
exhibition spaces: animated video loops, sculptures, digital drawings, and
paintings on plastic. The works no longer follow a consistently linear narrative
as on the pages of the book. Inspired by cel art, a technique used in animation
to separate backgrounds from foregrounds, images of different moods manifest
themselves through overlays, off-sets, and trompe l’ceil effects. They circulate
around the figure of Solito, with whom visitors get closer to as they walk through
the exhibition hall. Like the fragmented pieces that come together to form identity
itself, repeated variations of the same figure elicit feelings of vanity and confine
ment, but also moments of emancipatory liberation.

Julien Ceccaldi created the comic book Solito especially for the exhibition
(36 pages, edited by Nikola Dietrich, September 2018). It can be purchased
at a price of 12 (members 8).
Julien Ceccaldi was born in 1987 in Montreal, Canada and lives in New York.
Solo exhibitions include Gay, Lomex, New York, NY (2017); and King and Slave,
Jenny’s, Los Angeles, CA. He has recently participated in group exhibitions such
as Painting Now and Forever 3, Greene Naftali, New York, NY; An Assembly of
Shapes, Oakville Galleries, Ontario, Canada; and The Present in Drag, 9th Berlin
Biennale for Contemporary Art, Berlin.

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